Mit Erzählcafes versucht das Projekt Borderline – Identitäten an einer Grenze die Menschen an der Grenze mit einzubeziehen. Ihre Vorstellungen und Erinnerungen sollen bei einem ungezwungenen Kaffeetratsch anhand von mitgebrachten Artefakten und Erinnerungsstücken erzählt werden. Was dabei herauskommt ist eine Form der kollektiven Identität. Wir möchten bei diesen Veranstaltungen versuchen, die unterschiedlichen Erinnerungen auf einen Nenner zu bringen. Wenn möglich. Auf jeden Fall soll es ein gemeinsames Erlebnis in angenehmer Atmosphäre werden.

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Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 hat die Lafnitz ihre Bedeutung als „tausendjährige“ Grenze weitgehend eingebüßt. In ideologischen Kämpfen zwischen Ost und West, zwischen nationaler Abkapselung und globaler Offenheit wurden die Grenzen innerhalb des vergangenen Jahrhunderts mehrmals umgedeutet und neu gezogen.Wie tief haben sich die Furchen dieser Ereignisse in die Vorstellungen der Region eingegraben? Welche Spuren haben sie bei den Menschen hinterlassen? Wie nehmen die Einwohnerinnen und Einwohner „ihre“ Grenze im historischen Verlauf wahr und welche gemeinsamen kulturellen Vorstellungen lassen sich hier, heute, in einer Welt heterogener, globalisierter und diffuser Identiätsbilder, erkennen? Geschichte besteht aus unzähligen Schichten vielfältiger Erinnerungen und Erzählungen. Wir starten den Versuch, diese Geschichte für die Grenzregion Lafnitzfluss zu erarbeiten und möchten daher die Erinnerungen und Erzählungen der hier lebenden Menschen hören. Unser Ziel ist es, die persönliche Seite dieser Geschichte zu erfahren. Wir laden daher alle Personen ein – unabhängig von Herkunft, Bildung, Alter und sozialen Stand – ihre mit der Region verknüpfte Geschichte in einem geselligen Rahmen bei Kaffee und Kuchen zu erzählen. Wir bitten die Teilnehmenden um Mitnahme eines persönlichen Gegenstandes, an den seine bzw. ihre Erzählung geknüpft ist, vom Fotoalbum bis zum Handwerkszeug ist alles möglich. Damit wird Ihre persönliche Geschichte anschaulicher und lebendiger und für andere begreifbarer. Die Ergebnisse fließen in die Ausstellung „Borderline – Identitäten an der Grenze“, die ab August 2018 in den Gemeinden der Region zu sehen sein wird.

Ort Zeit
Fürstenfeld, Museum Pfeilburg Montag, 09.04.2018 14-17 Uhr und Montag, 16.04.2018 18-21 Uhr
Neudau Samstag, 25.04.2018, 14 Uhr
Lafnitz, GH Bonstingl Samstag, 12.05.2018, 14 Uhr
Sinnersdorf, GH Schäffernsteg Samstag, 19.05.2018, 14 Uhr

Die Erzählcafes finden mit folgenden Kooperationspartnern statt:

Historischer Verein Wechselland
 

Am 19. Mai konnten wir gleich mit zwölf Gesprächspartnern im gastfreundlichen Ambiente des GH Schäfernsteg in Tanzegg über die Bedeutung der Grenze zum Burgenland sprechen. Gerade dem Raum Wechselland fehlt die eindeutige topographische Grenzmarkierung, wie sie weiter südlich die Lafnitz bildet. So kamen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem gesamten Wechselland, zwischen Limbach, St. Lorenzen, Schaueregg und Pinkafeld, zusammen. Die Themen an diesem Nachmittag waren die Ereignisse in den letzten Kriegstagen 1945, über die Rote Armee, Kriegsgräuel und Nachkriegsgräuel, die wechselhaften Kämpfe in der Gegend im April 1945 über den Wiederaufbau. Die gesellige Runde kam überein, dass eine Abgrenzung zum nahen Burgenland weniger prägt – mit Ausnahme der unterschiedlichen Jugendschutzregelungen – als die Situation der Verkehrsanbindung, durch die welche sich die wirtschaftliche Orientierung nach Wien richtet. Wir danken allen Beteiligten für die Teilnahme und dem Historischen Verein Wechselland für die Einladung.

Im „roten Lafnitz“ trafen wir uns am mit drei rüstigen Damen und einem Herrn 12. Mai im GH Bonstingl. Wir erfuhren über die Situation des zweimaligen Frontwechsels im Ort im Jahr 1945, ebenso wie über Juden, die den Krieg unerkannt in der Nähe überlebten. Es wurde gesprochen über den Ruf von Lafnitz als „sündiges Dorf“ und politischer Rivalität mit den Nachbardörfern. Die Lafnitz als namensgebender Grenzfluss besaß in den Geschichten weniger Gewicht als die beschwerlichen Schulwege, die Tiefflieger am Kriegsende oder der erste Kaugummi, den man von einem britischen Soldaten bekam. Daneben wurden die Rote Armee und das Hamstern ebenso thematisiert wie die ehemalige Bedeutung des „Jülner Kirtags“ (St. Ilgen). Wir danken den TeilnehmerInnen für die interessanten Beiträge und der Gemeinde Lafnitz für die Gastfreundschaft.

In Neudau gastierten wir am 24.04.2018. Die beiden zentralen Themen bildeten dort die biographischen Erfahrungen der TeilnehmerInnen an der Zonengrenze 1945 bis 1955 und – fast erwartungsgemäß – vielfältige Aspekte der Arbeitswelt. Die Diskussion der zentralen Rolle und Bedeutung des im Ort bis heute bestehenden Industriebetriebes, seine konjunkturell bedingten Höhen und Tiefen, die auf das Leben im Dorf wirkten, wurde ergänzt durch die Darstellung des ehemaligen gutsherrschaftlichen Großbetriebes, der hier bestand. Die Position des Ortes in der Kleinregion, sein Verhältnis zu den Nachbarorten auch im Burgenland wurde in seiner historischen Entwicklung von 1945 bis in die Gegenwart nachverfolgt. Wir danken dem Bürgermeister der Gemeinde für die Einladung und die Bewirtung.

Während das erste Erzählcafe in der Pfeilburg Fürstenfeld von einem Interessierten besucht wurde, gewährten uns eine Woche später gleich sechs TeilnehmerInnen Einblicke in die Vergangenheit der Grenzstadt. Persönliche Erlebnisse aus der Zeit der britischen Besatzung über aufregende Zusammentreffen mit Roma-Gruppen bis hin zu den Nachwirkungen der Nazizeit, mit teils skurrilen Anekdoten. Es wurde die Bedeutung der ehemaligen Tabakfabrik für den gesamten Umkreis von Fürstenfeld und über politische Opposition der 1980er außerhalb des Gemeinderats diskutiert. Die Lafnitz selbst bekam in den Geschichten weniger Platz eingeräumt als die Feistritz. Dafür wurde öfter die offene Nachbarschaft, als die Abgrenzung zu Ungarn betont. Schließlich konnte man doch eine Differenzierung zwischen der Steiermark und dem Burgenland heraushören, wobei die Lafnitz weniger eine Rolle spielte, als das Stadt-Land-Gefälle. Wir danken allen Beteiligten und dem Museum Pfeilburg für die Gastfreundschaft.

Mit besonderem Interesse wurde in Neudau schon vor der Veranstaltung diskutiert.
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